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 Das gebückte Mütterchen (Irisch)

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Lilta Anoriën
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BeitragThema: Das gebückte Mütterchen (Irisch)   Mo Aug 05, 2013 10:02 pm

Margreth Barrett war in ihrer Jugend schlank, artig und wohlgesittet und zeichnete sich durch die Vereinigung zweier Eigenschaften aus, die man nicht oft beisammen findet. Sie war nämlich eine sehr sparsame Hausfrau und zugleich die beste Tänzerin in ihrem Geburtsort, dem Dorfe Ballyhuley. Gegenwärtig ist sie in den sechzigern. In den letzten Jahren ihres Lebens ist sie nicht mehr imstande gewesen, aufrecht zu gehen. Sie hält sich gebückt; der Kopf berührt fast den Boden, doch ihre Glieder gebraucht sie, soweit das bei dieser Haltung möglich ist, mit völliger Freiheit; ihre Gesundheit ist gut, ihr Geist beweglich, und in der Familie ihres ältesten Sohnes, bei welchem sie seit dem Tod ihres Mannes lebt, verrichtet sie alle häuslichen Arbeiten, welche ihr Alter und jenes Gebrechen zulassen.

Sie wäscht die Kartoffeln, macht Feuer an, kehrt das Haus (lauter Geschäfte, wobei ihr, wie sie mit guter Laune bemerkt, ihr krummer Rücken sehr zu statten kommt), spielt mit den Kindern und erzählt ihren Hausgenossen und den aus der Nachbarschaft, die sich oft rund um sie beim Feuer versammeln, allerlei Geschichten. Die anziehende Kraft ihrer Unterhaltung wird sehr gepriesen sowohl wegen ihrer guten Laune als auch wegen ihrer Erzählungen; und drollige und scherzhafte Begebenheiten, die sich auf ihre gekrümmte Gestalt beziehen, dann aber das Ereignis selbst, welches schuld an diesem Mißgeschick ist, sind das Lieblingskapitel ihrer Gespräche. So hörte man sie unter anderem erzählen, wie an einem bestimmten Tag, nach einer schlechten Ernte, als verschiedene Pächter dieser Gegend auf dem Feld eine Bittschrift um Verminderung des Pachtgeldes verfaßt hatten, das Papier zum Schreiben auf ihren Rücken gelegt und dieser als ein leidlicher guter Tisch befunden worden war.

Margreth, wie alle gescheiten Erzähler, pflegte sich, sowohl was die Ausführlichkeit als den Inhalt ihrer Geschichten anging, nach den Zuhörern und den Umständen zu richten. Sie wußte, daß bei hellem Tageslicht, wenn die Sonne glänzend scheint, die Bäume knospen, die Vögel rings um uns singen, rührige und gesprächige Menschen ihren Geschäften oder Vergnügungen nachgehen; sie wußte, doch gewißlich ohne die Ursache zu kennen oder sich viel darum zu bekümmern, daß wenn wir mit dem wirklichen Leben und der wirklichen Welt beschäftigt sind, der gläubige Sinn fehlt, ohne welche Erzählungen, die sonst aufs Gewaltigste die Teilnehmer anregen, keinen Eindruck hinterlassen. Doch am Weihnachtsabend bei flackerndem Herd, wenn die Winde kalt um die Mauern pfeifen und durch die Türen des kleinen Hauses dringen und daran erinnern, dasß draußen Kräfte stärker als der Mensch am Werke sind, in solchen Stunden pflegte Margreth Barrett ihren Erinnerungen und ihrer Phantasie, oder beiden, ohne Rückhalt nachzugeben, und bei einer solchen Gelegenheit war es, wo sie umständlich erzählte, wie sie zu dieser gekrümmten Gestalt gekommen sei.

"Es war gerade unter allen Tagen im Jahr der Tag vor dem Mai, wo ich hinausin den Garten ging, die Kartoffeln zu jäten. Ich wäre den Tag nicht hinausgegangen, wäre ich nicht traurig und kummervoll gewesen und gern für mich allein. Die Burschen und Mädchen im Haus lachten alle, scherzten und machte Bälle zum Schleudern oder Bänder zurecht für die Vermummten am folgenden Tage. Ich konnte das nicht ertragen. Am letzten Osterfest war es zehn Jahre her, daß ich meinen armen Mann begraben hatte, und ich dachte daran, wie vergnügt und voller Freude ich gewesen bin so manches Jahr vorher, eben in jenen Tagen, da Robin neben mir saß und ich die Bänder für den Schleuderball schnitt und nähte, die ich darauf den Burschen gab mit dem Gefühl, allen Mädchen an den Ufern des Blackwaters vorgezogen zu werden, von dem hübschesten und besten Schleuderer in dem Dorf.
Ich verließ das Haus und ging in den Garten. Ich blieb da den ganzen Tag und kam nicht heim zum Essen. Ich weiß nicht, wie es war, und nur soviel, daß ich in kummervollen Gedanken fortfuhr zu jäten, einige von den alten Liedern singend, die ich aber und abermals in den Tagen gesungen habe,. die nun dahin sind, vor dem, der nimmer zurückkehrt, sie anzuhören.
Die Wahrheit zu sagen, es war mir unerträglich, hinzugehen und schweigend und finster zu Hause zu sitzen, unter Menschen, die lustig und jung waren und ihre besten Tage vor sich hatten. Es ward spät, ehe ich an die Heimkehr dachte, und ich verließ den Garten erst einige Zeit nach Sonnenuntergang. Der Mond stand am Himmel; kein Wölkchen war zu sehen, hier und da blinkte schon ein Stern. Die Sonne war zwar schon untergegangen, aber der Mond leuchtete noch nicht mit voller Helligkeit. Sein Licht lag bleich und silberfarbig auf den Dingen. Dünne Nebelstreifen zogen über die Felder dahin.

In der Richtung gegen Sonnenuntergang war es noch heller. Dort leuchtete es rot und feurig durch die Bäume, als ob unten eine große Stadt in Brand aufloderte. Überall herrschte Schweigen wie auf einem Kirchhof, nur dann und wann hörte man in der Ferne einen Hund bellen oder eine Kuh brüllen. Kein lebendes Wesen war zu sehen, weder auf dem Weg noch auf dem Feld. Ich wunderte mich erst, dann erinnerte ich mich, daß es der Abend vor Mai war und daß mancherlei, Gutes und Böses, in dieser Nacht umherschwärmte und ich die Gefahren meiden müsse wie jeder andere. Ich ging so rasch zu als ich konnte und gelangte bald an das Ende der Mauer, die das Gut umgibt, wo die Bäume hoch und dicht auf jeder Seite des Weges aufsteigen und sich meist mit den Wipfeln berühren. Mein Herz hatte ein Vorgefühl, als ich unter ihre Schatten kam. Die Öffnung oben ließ so viel Licht herab, daß ich einen Steinwurf weit vor mir sehen konnte.

Plötzlich hörte ich in den Ästen auf der rechten Seite des Weges ein Rascheln und sah etwas, das einem kleinen schwarzen Ziegenbock ähnlich war, nur die langen, breiten Hörner auswärtsgerichtet statt rückwärts gekrümmt; es stand auf den Hinterfüßen am Rand der Mauer und schaute auf mich herab. Der Atem stockte mir, und ich konnte mich fast eine Minute lang nicht bewegen. Ich mußte, wie es auch zuging, meine Augen unverwandt dahin richten, aber es schaute immer starr auf mich herab.
Endlich nahm ich mich zusammen und ging fort, aber ich hatte noch keine zehn Schritte getan, als ich dieselbe Erscheinung auf der Mauer zu meiner Linken erblickte, genau in derselben Stellung, nur noch drei- oder viermal so hoch und beinahe so groß wie der größte Mann. Die Hörner sahen schrecklich aus, es starrte mich an wie dort. Meine Beine zitterten, die Zähne schnatterten, und ich glaubte jeden Augenblick, ich würde tot hinfallen. Endlich war es mir, als wäre ich gezwungen zu gehen, und ich ging wirklich fort, aber ich fühlte nicht, wie ich mich bewegte oder wie meine Beine mich trugen.
Eben als ich an der Stelle vorbeikam, wo das entsetzliche Wesen stand, hörte ich ein Geräusch, als ob etwas die Mauer herabspränge und hatte ein Gefühl, als wenn ein schweres Tier auf mich stürzte, das, mit den Vorderfüßen mich fest um die Schultern packend, die Hinterfüße in meinen faltigen, zusammengesteckten Rock verwickelte. Ich wundere mich heute noch, wie ich die heftige Erschütterung ertragen habe, aber ich fiel weder noch schwankte ich bei der Wucht, sondern ging darauf los, als hätte ich die Stärke von zehn Männern; jedoch fühlte ich, daß ich gezwungen war, mich fortzubewegen und nicht die Macht hatte stillzustehen, wie ich es wünschte.
Doch ich keuchte ängstlich, ich wußte was ich tat, so deutlich wie ich es in diesem Augenblich weiß; ich versuchte zu schreien, doch ich konnte es nicht, versuchte zu laufen, aber war nicht möglich, versuchte rückwärts zu schauen, aber Kopf und Nacken waren wie in einen Schraubstock gespannt. Ich konnte nur meine Augen nach beiden Seiten hindrehen, und dann erblickte ich so klar und deutlich, als wäre es in vollem Licht der lieben Sonne, einen schwarzen und gespaltenen Fuß fest auf meine Schulter gelegt. Ich hörte ein leises Atmen in meinem Ohr, ich fühlte, daß bei jedem Schritt, den ich tat, meine Beine an die Füße jenes Wesens stießen, das auf meinem Rücken hing. Endlich sah ich das Haus, und es war mir ein willkommener Anblick, denn ich dachte, ich würde erlöst sein, wenn ich es erreichte.

Ich kam bald vor die Türe, doch sie war verschlossen. Ich schaute nach dem kleinen Fenster hin, aber es war ebenfalls verschlossen, die anderen Hausbewohner waren an einem solchen Abend vorsichtiger als ich: ich sah drinnen das Licht. Es drang durch die Spalten der Türe, ich hörte Menschen im Haus reden und lachen. Nur drei Ellen war ich von meinen Verwandten entfernt, die alles getan haben würden, um mich zu retten. Möge Gott mich davor bewahren, noch einmal so zu leiden wie ich in jener Nacht gelitten habe! Etwas Fürchterliches hielt mich fest. Ich war unfähig, mir selbst zu helfen, meine Freunde anzurufen oder meine Hand auszustrecken. Ich konnte weder klopfen noch auch nur meinen Fuß heben, um an die Tür zu stoßen und sie wissen zu lassen, daß ich draußen stand. Es war, als ob meine Hände am Leib festklebten, als ob meine Füße an den Boden geheftet wären udn als liege das Gewicht eines Felsens auf ihnen. Endlich kam mir der Gedanke, mich zu bekreuzigen, und meine rechte Hand, die sonst nichts tat, tat es für mich. Die Last blieb auf meinem Rücken, keine Veränderung trat ein. Ich bekreuzigte mich abermals, es blieb wie es gewesen war.
Ich gab mich verloren, doch ich bekreuzigte mich zum dritten Mal, und kaum hatte meine Hand das Zeichen ausgeführt, als ich spürte, wie die Last von meinem Rücken sprang. Die Tür fuhr auf, als hätte der Blitz in sie eingeschlagen, ich stürzte vorwärts, fiel mit der Stirne voran auf die Dielen. Als ich wieder aufstand, war mein Rücken krumm.Von jener Nacht an bis zu dieser Stunde konnte ich mich nicht wieder aufrichten.

Es entstand eine kurze Pause, als Margreth Barrett geendigt hatte. Diejenigen, welche die Geschichte schon kannten, hatten mit dem Ausdruck halb befriedigter Teilnahme zugehört, gemischt indessen mit jenem feierlichen Gefühl, welches eine Erzählung übernatürlicher Wunder erregt. Sich auf ihren Sitzen bewegend, verließen sie die Stellung, in welcher sie während der Erzählung verharrt hatten und nahmen eine andere an, welche zu erkennen gab, daß ihre Neugierde in Beziehung auf die Ursache dieser seltsamen Begebenheit schon längst befriedigt war. Diejenigen aber, welche sie noch nicht gekannt hatten, behielten den Ausdruck und die Stellung gespannter Aufmerksamkeit und ängstlicher, aber feierlicher Erwartung. Ein Enkel der Margreth von etwa neun Jahren, hatte noch nie die Geschichte gehört. So wie seine Aufmerksamkeit wuchs, drängte er sich immer fester an die Seite der alten Frau, und beim Schluß schaute er unverwandt nach ihr hin, mit seinem Leib über ihre Knie zurückgebogen, und sein Gesicht zu ihr aufgerichtet, mit einem Ausdruck, in welchem die Neigung zu weinen mit der Neugierde zu kämpfen schien. Nach einem augenblicklichen Stillschweigen konnte er nicht länger seine Neugierde bezähmen, und ihre grauen Locken mit einem Händchen fassend, während Tränen der Furcht und des Erstaunens gerade von seinen Augenwimpern herabtröpfelten, rief er: "Großmutter, wer war das?" Margreth lächelte erst nach dem älteren Teil der Zuhörer, dann nach ihrem Enkel hin, und ihm sanft über die Stirn streichelnd sagte sie: "Es war die Pooka!"

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Möge das Glück mit euch sein...

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